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Stigmatique (SEELEN.) – GROOVE Resident Podcast 69

Analoge Musik, Vinyl-only, lange Zeit im Selbstvertrieb, eng verbunden mit der Leipziger Heimat – die Liste der moralischen Leitplanken von SEELEN. ist lang. Seit 2018 betreiben JANEIN und Stigmatique Underground-Kultur in und aus Leipzig und weit über die Stadtgrenzen hinaus. Alternativkultur ist hier keine leere Marketing-Hülse, sondern das Ergebnis der Punk- und Metal-Hintergründe der beiden Gründer. Diese rebellische, freiheitssuchende Haltung übersetzt sich in eine klare Philosophie: Techno frei von Trends und Erwartungen des Mainstreams.

Stigmatique ist Mitgründer des Labels und steht damit für den charakteristischen Techno-Sound Leipzigs. Dieser Sachverhalt spiegelt sich auch in seinem Mix für den GROOVE Resident Podcast wider: kompromisslos, linear und hypnotisch gespielt, mit einem Fokus auf Four-to-the-Floor-Techno, der weniger auf Effekte als auf Ekstase und Trance setzt. Im Gespräch unterhalten sich GROOVE-Autor Paul Sauerbruch und Stigmatique über die Hintergründe und Prinzipien seines Sets, wie sich diese auf die Technokultur allgemein übertragen lassen und die Pfeiler des Erfolgs von SEELEN.

GROOVE: Was hast du dir bei dem Mix gedacht?

Stigmatique: Mir ist beim Auflegen wichtig, dass ich mich in dem Mix wiederfinden kann. Ich spiele Musik, die mich nicht nur als Künstler repräsentiert, sondern auch meinen Charakter und Stimmung widerspiegelt. Diesen Mix habe ich mit etwas Düsterem, mit etwas Mystischem verbunden. Eine Geschichte dahinter ist mir sehr wichtig. Ich bin der festen Meinung, dass man die Hörer:innen mit seiner Musik an einen anderen Ort schicken sollte. Dann fällt es viel leichter, loszulassen.

Mit Blick auf die technische Struktur dahinter – SEELEN. Records veröffentlicht nur auf Vinyl, du spielst aber auch digital. Wie sah das bei diesem Mix aus?

Den Mix habe ich komplett digital gespielt, weil sehr viel Musik, mit der ich mich zur Zeit identifizieren kann, gar nicht mehr auf Platte gepresst wird. Vinyl ist nicht mehr für alle Labels attraktiv. Die Verkaufszahlen sind nicht gut, und die Herstellung ist teuer. Trotzdem ist es etwas ganz Besonderes, seine eigene Arbeit als physisches Medium in den Händen zu halten. Für uns ist es ein Teil der Kultur. Ich habe damals mit Vinyl angefangen und habe es geliebt. Aber für die musikalische Vision, die ich jetzt verfolge, ist es von Vorteil, dass ich die Tracks digital spielen kann.

Ihr veröffentlicht bei SEELEN. nur auf Vinyl und habt die Distribution lange Zeit selbst übernommen. Wie funktioniert das für euch?

Wir waren die letzten sieben Jahre bewusst Self-distributed, um die ganzen Abläufe und Vorgänge dahinter verstehen zu können und selbst zu lernen. Den Vertrieb übernimmt jetzt Inch By Inch aus Leipzig. Wir wollten mal schauen, wo die Reise hingeht. Außerdem habe ich einen guten Draht zu Philipp Weisbach vom Inch-by-Inch-Plattenladen. Deshalb war für uns recht schnell klar, dass wir diese Kooperation eingehen werden. Die ersten elf Releases haben wir ohne Distributor versucht, was ganz gut geklappt hat. Aber nach acht Jahren wollten wir einen anderen Weg gehen.

Wie habt ihr euch entschieden?

Das Plattenpressen ist heutzutage nicht mehr so einfach wie vor ein paar Jahren. Man muss viel vorsichtiger kuratieren und allgemein besser auf wirtschaftliche Faktoren schauen. Aber wir haben das Ziel, weiterhin ein Vinyl-Only-Label zu sein. Vinyl gehört zu unserer Geschichte, es ist Teil des Werdegangs der elektronischen Musik in der ganzen Welt. Das Diggen und Sammeln wird immer Teil unserer Identität sein. Deswegen machen wir nur eine 200er-Auflage. Dann hat man das Gefühl, etwas Einzigartiges in den Händen zu halten.

Wie unterscheidet sich dein Mix von einem Club-Set?

Ich versuche bei einem Podcast mehr auf die musikalische Komponente zu gehen, vielleicht auch Tracks zu spielen, die im Club nicht zu 100 Prozent funktionieren würden, weil sie vielleicht laid back sind, weil sie eine polyrhythmische Metrik haben und deshalb nicht in jedes Four-to-the-Floor-Techno-Set passen würden. Da versuche ich mich auszuleben. Ich versetze mich auch in die Lage der Hörer:innen: Was will ich hören, wenn ich einen Techno-Podcast anmache?

Ein Track stammt von deiner EP Am Ende War Die Nacht. Wo liegt die Verbindung zwischen dem SEELEN.-Sound und der Musik in deinen Sets?

Für uns hat jeder Track eine eigene Seele. Jeder Track erzählt eine eigene Geschichte. Die Verbindung dieser einzelnen Tracks zu etwas Neuem, einer neuen Geschichte oder einer neuen Emotion, liegt darin, was die Verbindung herstellt. Wir haben ganz konkrete Ansprüche an Musik, und bei diesem Mix war mir wichtig, diese als Maßstab zu setzen. Sodass ich mich selbst in der Musik verwirklichen kann und sie mir genau das gibt, was ich anderen Menschen mit meiner Musik geben will: Freiheit.

Wie schafft ihr es, über längere Zeit hinweg eine kuratorische Linie aufrechtzuerhalten?

Uns ist es wichtig, breit und divers aufgestellt zu sein. Aber wir wissen, was wir wollen und worauf wir hinarbeiten. Dementsprechend würden wir auch keine Artists buchen oder Releases veröffentlichen, hinter denen wir nicht zu 100 Prozent stehen. Das läuft alles in Absprache mit JANEIN. Wir arbeiten da sehr transparent. Alleingänge gibt es keine. Nur wenn wir beide gedanklich am selben Strang ziehen, wird die Idee auch umgesetzt.

Der Eröffnungstrack „Hope In The Gloomy” von Hod und der letzte Track, „Jammed Symbols” von Giulio Aldinucci, stechen als ambiente Curveballs aus deinem sonst sehr cleanen, funktionalen Set heraus. Warum spielst du die an dem Punkt?

Mir ist sehr wichtig, mit meinem Set eine Geschichte zu erzählen. Und das funktioniert nicht, wenn ich auf Krampf die Energie hochtreiben muss. Ein gutes Set hat einen Anfang, einen Mittelteil und ein Ende – und Dramatik, Aufschwünge und emotionale Täler. Das ist ein sehr komplexes Thema, je nachdem, welches Ziel man verfolgt. Zu einem klaren Anfang und Ende gehört es, die Stilmittel, die zur Verfügung stehen, zu nutzen.

SEELEN. wird oft als Techno-Label beschrieben, trägt aber eine klare Punk-Mentalität in sich. Wann wurde dir klar, dass es euch weniger um Stil als um Haltung geht?

Uns ist es sehr früh bewusst geworden, dass es um mehr geht. Dass es wichtig ist, zu zeigen, dass wir nicht Teil des Mainstreams sind, dass wir keinen Trends folgen. Wir wollen keinen Hype kreieren, wir wollen unsere musikalische Vision vorantreiben. Unsere Attitüde spiegelt sich in den Clubs wider, in denen wir veranstalten, und im Publikum, das auf unsere Veranstaltungen geht.

Welche Rolle spielt die Stadt Leipzig für euch und das Label?

Leipzig ist für uns und für das Label sehr wichtig. Jan und ich sind beide Leipziger. Ich bin hier geboren und aufgewachsen und dadurch in der Stadt fest verwurzelt. Wir haben unsere Anfänge mit Kultur, Musik und Veranstaltungen hier gemacht und unsere ersten Veranstaltungen selbst kuratiert. Wir sind sehr glücklich darüber, nach zwei Jahren wieder Teil der Distillery in Leipzig sein zu dürfen und sie wieder als unsere Homebase zu haben. Ein Ort, der für uns vieles zum Positiven verändert hat.

Wie seid ihr das Thema Veranstaltungen angegangen? 

In den vielen Jahren, die wir schon mit dieser Stadt zu tun haben, konnten wir viele Kontakte knüpfen. Der Einstieg in die Veranstaltungsszene fiel uns deswegen recht leicht. Zu unseren ersten Veranstaltungen sind Menschen aus allen Teilen Deutschlands und darüber hinaus gekommen und meinten, dass sie dort nichts Vergleichbares finden. So ging das immer weiter. Ich lerne heute noch Leute kennen, die mir sagen: „Hey, wir waren vor sieben Jahren auf einer SEELEN.-Veranstaltung in Leipzig. So bin ich zu Techno gekommen.”

Was nehmt ihr euch aktuell für eure Partys vor? 

Wir wollen auch jungen Künstler:innen die Möglichkeit geben, sich musikalisch verwirklichen zu können. In der Zeit großer Agenturen und großer Labels ist es wichtig, kleineren Acts eine Plattform zu geben. Leipzig schaut da sehr drauf: Wer tut was fürs Allgemeinwohl, wer tut was für die junge Szene hier? Durch den Rückhalt, den wir uns über die letzten Jahre hier aufgebaut haben, wissen wir ganz genau, dass unsere Veranstaltungen in Leipzig etwas ganz Besonderes sind.

Wenn man den Mix als Momentaufnahme versteht – wo stehst du gerade als DJ und ihr als Label?

Als Label sind wir nach acht Jahren ein ernstzunehmender Teil der Musik- und Kulturbranche hier geworden. Wir wollen zeigen, dass wir weiterhin mit allen Akteuren dieser Branche am selben Strang ziehen, und die Dinge weiter vorantreiben. Wir versuchen jetzt, SEELEN. weiter wachsen zu lassen und uns dabei selbst nicht zu vergessen. Uns ist es wichtig, Transparenz zu schaffen. Außerdem wollen wir für Überraschungen gut sein, und dementsprechend schauen wir, dass wir nicht zu viel auf einmal preisgeben. In Bezug auf mich selbst würde ich die Sache etwas anders formulieren: Meine musikalische Vision formt und manifestiert sich gerade erst, was ein unheimlich spannendes und aufregendes Gefühl ist. Ich erlebe gerade viel Neues und versuche mich in vielen Gebieten weiterzubilden.

Track list:

Hod – Hope In The Gloomy
Ansome – Haviest Fucking Acid Trip In The Universe
Fixon – Pink Sky (Ricardo Garduno Remix)
Metapattern – Artificial Awareness
Slone – Nightingale
Franco Rossi – Racconto
A.MORGAN – Sidewinder
DEAS – Phase Two
FVKS – Gion
Declod – Cyklon
Arkan – Raubtier
Setaoc Mass – Left Behind
Stigmatique – Cyberspace
JANEIN ft. Olga Phage – Hyperspace
Matrixxman – Hong Kong (Night)
Kuss – Under Pressure
Kameliia – 120 Miles Per Hour
Stigmatique – Der Schatten Der Sonne
DEAS – Audio Illusion
End Train & Flaminia – Zuppa
Maxime Dangles – Chatillon Montrouge (SRAMAANA Remix)
Drumcell – Terminus
Giulio Aldinucci – Jammed Symbols

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