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November 2025: Die essenziellen Alben (Teil 1)

Die Mixe des Monats aus dem November findet ihr hier.

Clark – Steep Stims (Throttle)

Clark wendet sich auf Steep Stims seiner Vergangenheit zu. Der Rückgriff auf alte Sampler mit ihren Speichergrenzen ist hier keine ästhetische Pose, sondern Arbeitsprinzip. Der Einstieg „Gift and Wound” setzt sofort auf dieses Spannungsfeld: flüchtige Piano-Fragmente, kurz aufflammende Obertonschichten, alles mit einer Direktheit eingefangen. „Infinite Roller” definiert sich über einen fast asketischen, tanzbaren Loop. Der Track schichtet minimale Veränderungen zu einer Art mikroskopischen Euphorie. „No Pills U” verhüllt sich dagegen: weiche, kaum greifbare Texturen, die wie ein Nebelfeld um einen Kern kreisen, der sich nicht zeigen will. „Janus Modal” bricht das wieder auf, zeigt Clark in einer offen treibenden, fast optimistischen Variante. „18EDO Bailiff” ist ein kurzer, scharfkantiger Bruch – mikrotonal. „Globecore Flats” baut daraufhin einen Raum, der heller wirkt: Piano-Licks, die für einen Moment so tun, als wäre Leichtigkeit ein Stilmittel, bevor der Drum’n’Bass einsetzt. Mit „Blowtorch Thimble” verschiebt sich alles: eine übersteuerte Neunziger-Jahre-Soundstruktur. „Inpatient’s Day Out” wirkt fast verspielt – ein Drum’n’Bass-Track mit offenem Grinsen und verkanteten Bewegungen. „Who Booed the Goose” nimmt Tempo heraus und bringt eine schimmernde, kollagierte Fläche ein: ein Stück, das seine eigene Geschwindigkeit unterwandert. Und „Micro Lyf” schließlich wirkt wie Ausatmen.

Steep Stims ist kein nostalgisches Werk. Es ist ein Album, das den Anfangspunkt nicht sucht, sondern rekonstruiert. Clark zeigt hier, wie viel Klarheit jenseits der Perfektion liegt — in Momenten, die kurz aufflammen, rau bleiben und gerade dadurch verbinden. Ein Blick auf Rave aus nächster Nähe. Liron Klangwart

Debit – Desaceleradas (Modern Love)

Die Produzentin Delia Beatriz alias Debit ist Modern Love again. Nach ihrem fantastischen Album The Long Count von 2022, das sich mit Blasinstrumenten der Maya wie Pfeife, Flöte, Trompete oder Okarina auseinandersetzte, veröffentlicht die im mexikanischen Monterrey geborene und in New York lebende Künstlerin mit Desaceleradas ein Album voller zauberhafter Ambient-Texturen. Es ist eine durch ihre Emotionen gefilterte Liebeserklärung an Rebajada, eine verlangsamte Cumbia-Variante, die von der ebenfalls aus Monterrey stammenden Band Sonido Dueñez in den frühen Neunzigern entwickelt wurde. Ihre Musik diente als Sample-Grundlage für einen Dialog zwischen Ausgangsmaterial, dem analogen Synthesizer ARP 2600, dem alten Akkordeon von Beatriz‘ Mutter und den unendlichen Möglichkeiten der digitalen Musikerzeugung. Gelegentlich verbreitet die Ziehharmonika Cumbia-Melancholie, der synkopierte 2/4-Takt des Musikstils wurde indes völlig in traumhaften Sound-Schleifen aufgelöst. Jene klingen zeitweilig nach dreckiger Vinyl-Nadel, erinnern an die originelle Musik eines Luc Ferrari, dann wieder an die Klangwelten eines Künstlers wie The Caretaker. Ein Cumbia-Album ohne klassischen Cumbia, voll magnetischer Erinnerungs-Loops einer Künstlerin an die Musik ihrer Heimat, die wie eine musikalische Madeleine de Proust wirken. Michael Leuffen

DJ Q – Foundations (Local Action)

Verknappung verstehen. Warum 30-Minuten-Mixe eines Stücks, wenn es drei genauso tun? DJ Q aus Huddersfield geht in seinen Bassline-Tracks sehr konzentriert zur Sache. Knappes Intro, Beat schnurrt los, nach ein paar Sekunden kommt noch eine Stimme dazu, entweder eigens für die Nummer eingesungen oder als Sample reingeschnitten. Einige der Produktionen veröffentlichte DJ Q schon im vergangenen Jahr, wie das unschlagbar mit einem Kürzest-Soul-Refrain bewaffnete „Leave Me Now”. Als aufgekratzte R’n’B-Hymne empfiehlt sich wiederum das mit Unterstützung von Jack Junior entstandene „Let You Go”. Gefangene Machen ist DJ Qs Sache nicht, man muss schon von Anfang an dabei sein. Wartet man zu lange, ist das Stück wieder vorbei. Das mag alles für den raschen Konsum gebaut scheinen, doch wenn man eine der brachialsten Nummern von Foundations nimmt, das vor knapp einem Jahr als Single herausgebrachte „Gunshot”, dann lässt sich nicht sagen, dass die inzwischen vergangene Zeit der Musik irgendwie geschadet hat. Der Bass reißt weiter alles mit, was in Reichweite liegt, und man möchte immer noch zustimmend mit einstimmen: „Selecta, play da gunshot riddim!” Tim Caspar Boehme

Dominik Eulberg – Lepidoptera (!K7)

Eine leise Expedition ins Leuchten der Natur – so fühlt sich das neue, siebte Album von Dominik Eulberg an. Lepidoptera ist inspiriert von den heimischen Schmetterlingen, es trägt ihren lateinischen Namen. Die zwölf Tracks versuchen die Eigenheiten dieser faszinierenden Insekten mit so diversen Ansätzen wie tanzbaren Rhythmen, schimmerndem Ambient und orchestralen Untermalungen zu erfassen. Dabei nutzt Eulberg die Schmetterlinge nicht als hübsches Bild, sondern als eine Art Kompass, der in die Natur weist. Jede Art führt ihn zum Kern einer musikalischen Idee, die mal flatternd leicht, mal fast statisch wirkt. Der Sound ist unverkennbar eulbergisch und zeigt einmal mehr sein Händchen für warme, berührende Klangwelten. Was Lepidoptera dabei besonders macht, ist die Haltung des Albums. Die Platte will eher sensibilisieren als gefallen. Musik will Zugang schaffen, ohne zu predigen. Ein Album also, das staunen lässt und dabei ganz nebenbei die Natur näher rückt. Wencke Riede

Fanatico X – Beneath Your Feet (GMO)

Poetisch, fantastisch und ja, auch tanzbar. Beneath Your Feet von Fanatico X, dem Duo aus Mathias Schaffhäuser und Jorge Socarrás, öffnet sich Zuhörer:innen wie eine magische Falltür. Beneath Your Feet, nicht nur Album-, sondern auch Songtitel, wirkt, als würde jemand ein vertrautes elektronisches Koordinatensystem neu justieren. Schon der Opener „White Rabbit”, im Original von Jefferson Airplane, ist kein nostalgischer Gruß, sondern ein Psychedelic-Klassiker – entkernt, verlangsamt, neu kalibriert. Die Stimme von Jorge Socarrás schwebt über dem schnörkellosen Rhythmus, so wie das ganze Album eher dem Wesentlichen folgt als dem Überschwang. Und genau deshalb so catchy ist, dass es viele aufgeschlossene Heads erreichen dürfte. Ach ja, Rhythmus fungiert auf Beneath Your Feet nie nur als Rhythmusgeber; vielmehr verschmilzt er, ordnet sich unter. „Still Searching”, eine Neuinterpretation eines Indoor-Life-Tracks, demonstriert das par excellence. Jorge Socarrás’ Stimme gleitet wie ein warmer Laser durch Schaffhäusers fein gesponnene Produktion – ein Song, der gleichzeitig nach vorn und zurück blickt, als liefe die Zeit in zwei Richtungen. Das Album arbeitet oft mit literarischen Zitaten: Nietzsche in „Oh To Roam”, Lorca in „Y”. Doch das wirkt nie prätentiös, eher wie emotionale Anker. „Fall For You” schließlich, mit einer fast unverschämt weichen Pedal-Steel-Anmutung, zeigt, dass Fanatico X Intensität auch jenseits von Beats erzeugen können. Das Highlight ist vielleicht „Speelklokken”: ein seltsam funkelndes Miniaturstück.

Beneath Your Feet ist eine Platte, die im Elektronischen das Poetische sucht – und dabei ganz beiläufig ihren stärksten Moment zeigt. Liron Klangwart

Jeff Mills – Live at Liquid Room (Axis) [Reissue]

„This is Techno” heißt eine Serie von Jeff-Mills-Posts in den sozialen Medien. Nach 40 Jahren in der Welt harter Bretter und interplanetarischer Utopien treibt den 1963 in Detroit geborenen Mills noch immer eine Definitionsmacht an. Stills aus B-Science-Fiction-Filmen und Zitate über die Zukunft von AI prognostizieren hier die Zukunft im Mensch-Maschinen-Geflecht. Die Serie dient dem Produzenten, Axis-Betreiber und vor allem DJ als Auslegung seines Forschungsinteresses. Im Jahr 1996 griff Mills hierfür zu einem anderen Mittel. Er veröffentlichte einen DJ-Mix.

„Das ist Techno”, sagte dieser Mix aus dem Tokioter Club The Liquid Room: zwei Plattenspieler und zwei Tonbandgeräte nutzte der DJ in Japan, die Letztgenannten, um jene seiner eigenen Stücke in den Mix zu drücken, die noch nicht gepresst waren. Im kurzen Intro ist das Publikum zu hören, und auch sonst lässt die Mikrofonierung immer wieder mal ekstatisches Gekreische oder Plattenspielerrauschen zu. Denn, so zeigt die Aufnahme: es ist alles für den Moment. Es gibt keine, wie es heute immer noch oft üblich ist in DJ-Sets, Storyline mit der Dramaturgie einer Serie. Im Moment sein, heißt für Mills die Arbeit am Ton als Material, und so gibt es Bruchstück an Bruchstück zum Schaffen des Jetzt. Der Zufall, hier als intuitiver Abbruch des laufenden und Reinnehmen des neuen Tracks, ist ein Freund der Ekstase.

Ist das Techno? Außer eigenen Tracks kommen nackte Teile von etwa DJ Hell, Claude Young, Circuit Breaker oder Ken Ishii rein, und sie schaffen aus der Hand Jeff Mills‘ die Bleibe des stetigen Jetzt. Vielleicht ist das Techno. Four to the floor und kein Gedöns. In jedem Fall gut, das wieder hören zu können. Christoph Braun

Joseph Kamaru – Heavy Combination (Disciples)

Vor fünf Jahren wusste man im Zweifel noch nicht, wer KMRU ist. Der Produzent veröffentlichte 2020 auf Editions Mego das Album Peel, inzwischen ist der in Berlin lebende Joseph Kamaru ein international bekannter Name in Sachen Ambient. Dass sein Großvater nicht nur genauso heißt wie Kamaru, sondern ebenfalls ein Musiker war, in Kenia bis zu seinem Tod 2018 zudem einer der führenden Kikuyu-Musiker, dürfte hierzulande bis heute nicht übermäßig bekannt sein. Daran wollte der Enkel etwas ändern, als er dessen Archive entdeckte. Heavy Combination stellt Songs von Joseph Kamaru sen. aus vier Jahrzehnten zusammen. Von stillen Gospels mit kreiselnden Gitarren und praktisch keiner Perkussion bis zu Agitprop-Beatnummern mit zupackenden E-Gitarren reicht das Spektrum, selbst leichte Country-Einschläge kann man heraushören. Kamaru legte als Songwriter Wert auf eingängige Melodien, womöglich dienten ihm diese als politischer Aktivist auch für seine Zwecke. Andere Stücke erinnern an Highlife, später kamen noch Disco-Beats und Reggae-artige Riddims hinzu. Stilistisch hat Kamaru so einiges mitgemacht. Am schönsten sind im Zweifel die zurückgenommenen Nummern wie das zweistimmige „Gari La Trela”, in dem die Instrumente respektvoll an sich halten. Eine Fundgrube. Tim Caspar Boehme

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